Die Heilige oder Scheinheilige

Umjubelte Uraufführung der Hexengeschichte


In Zeiten knapper Kassen wird der Rotstift auch gerne an der Kultur angesetzt. In Freudenstadt dreht man den Spieß um und wuchert mit dem, was man hat: schöne Schauplätze, die bespielt werden wollen. Diesmal zeigt sich das Kurhaus-Areal von seiner schönsten Seite. Das Sommertheater mit seiner Hexengeschichte um Anna Zecher startete furios.


Das Warten hat sich gelohnt, hat doch die Geschichte der Heilerin Anna Zecher, die zur Hexe gemacht wird, bei ihrer gefeierten Premiere die - zugegeben hohen - Erwartungen noch übertroffen. Von Anfang an besticht das Stück durch seine atmospärische Dichte. Nach dem lockeren Prolog auf dem Vorplatz erscheint das Foyer zunächst wie ein Museum: Hier wie anschließend auch in der Wandelhalle erwachen Figuren, die eben noch wie eingefroren auf Sockeln standen, für einen Moment zum Leben.

In stimmungsvollen Szenen und gerade im Park mit wunderbaren Bildern setzen sie die Handlung in Gang. Dabei fließt eine Szene nahtlos in die nächste, die Zuschauer sind ganz nah dabei und immer Teil des Ganzen. Später, im Kursaal, der mit wenigen aber effektvollen Mitteln zu einem Gerichtssaal verkleidet wird, schöpfen Paul Siemt und sein Ensemble weiter aus ihrem Füllhorn guter Einfälle: ein bunter Jahrmarkt mit spielenden Kindern, Stelzenläufern und einem Feuerschlucher, daneben Musik. Frauen servieren Wein, bevor der Disput um Anna Zecher losbricht - für die einen ist sie eine Heilige, für andere die Scheinheilige.

Die Balkone kommen ins Spiel: Auf dem einen das Tribunal aus Schultheiß, Vogt und Pfarrer, auf dem anderen wird Annas Geschichte weitergesponnen, die den Zuschauer einnimmt und nicht wieder losläßt: Als das Protokoll ihrer Folterung und ihr Brief aus dem Gefängnis verlesen werden, herrscht ergriffenes Schweigen.
Fast ist es wie beim Zappen durch mehrere Fernsehkanäle. Die Szenen sind kurz, und doch von bemerkenswerter Intensität. Schnell wechselt der Spot von Bühne zu Bühne und die Zeiten schwirren durcheinander, denn auch eine Studentengruppe der Neuzeit wird per Wackel-Kamera auf zwei Leinwände noch einmal zugeschalten.
Sie sorgen bis zum Schluß für Verwirrung und machen die Hexengeschichte aus der Historie zu einem mystischen, anspruchsvollen Werk, in dem immer wieder auch heitere Töne ihren Platz haben.

Am Ende und nun wieder im Freien funkeln zur Premiere die Sterne. Das kann kein Zufall sein. Schade nur, daß das Publikum in zweiter Reihe vom überwältigenden Finale nicht alles sehen kann. Das soll sich aber in den weiteren Vorstellungen ändern, um zum Ende Zuschauer und Darsteller einander noch einmal ganz nahe zu bringen. Damit die einen den anderen direkt ins Gesicht jubeln können. Sie haben's verdient.


Aus dem Schwarzwälder Boten vom Freitag, den 9. August 2002. Autor: Dirk Haier



 
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